Macht menschliche Führung eigentlich erfolgreich?

01. Sep 21

In einem meiner letzten Beiträge habe ich behauptet, dass Führung menschlicher werden muss. Begründet habe ich das damit, dass menschliche Fähigkeiten in Unternehmen in Zukunft immer mehr benötigt werden. Je mehr wir automatisierte Prozesse der Industrialisierung verlassen, desto mehr sind Unternehmen angewiesen auf menschlichen Fähigkeiten, um sich in Unternehmen einbringen, Lösungen erarbeiten, Kontakte zu Kunden und Lieferanten aufwerten und auch neue Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen anziehen. Eben all das, was Maschinen nicht können.

Dieser Ansatz klingt erst einmal  - hoffentlich - logisch und nachvollziehbar. Aber macht er sich am Ende auch bezahlt? Sind Unternehmen mit menschlicher Führung erfolgreicher als andere?

Um dieser Frage nachzugehen, könnte man Unternehmen vergleichen. Wir könnten uns zwei Unternehmen ansehen, die möglichst im gleichen Marktsegment tätig sind, eine vergleichbare Marktstrategie fahren, schon ein paar Jahre am Markt tätig sind und eine ungefähr vergleichbare Größe haben. Und sie sollten im Kriterium „menschliche Führung“ möglichst Extrempositionen einnehmen. Was gar nicht so einfach ist, weil natürlich kein Unternehmen für seine menschenverachtenden Haltung wirbt - sie sind also nur über Umwege zu finden. Über eine menschenfreundliche Haltung redet man da schon eher. Das sagt auch schon einiges...


Die Vergleichskandidaten

Ich habe mir zwei Unternehmen ausgesucht: Southwest Airlines und Ryanair heißen die Kandidaten.

Southwest Airlines ist in Europa weniger bekannt. Vor der Pandemie war das Unternehmen, gemessen an der Anzahl der beförderten Passagieren, die größte Fluggesellschaft der Welt und lag an Platz 4 der gewinnstärksten Fluggesellschaften der Welt. Southwest Airlines war in den 1970-er Jahren Begründer des Billigflugsegments. Mitgründer und langjähriger CEO war Herb Kelleher, der das Unternehmen mit seiner Persönlichkeit stark prägte. 


Was über Ryanair in der Presse gesagt wird

1992 hat ein junger Manager aus Dublin bei Southwest Airlines hospitiert. Er kam von Ryanair - eine irischen Fluggesellschaft, die kurz vor dem Bankrott stand. Und dieser Manager nahm die Prinzipien von Southwest Airlines als Kopiervorlage mit zu Ryanair. Es war Michael O’Leary - und die weitere Geschichte ist bekannt. Innerhalb relativ kurzer Zeit wird O’Leary zum CEO und Ryanair zur größten und erfolgreichsten Fluggesellschaft in Europa. Leider hat Michael O’Leary das Paket "menschliche Führung" bei Southwest Airlines vergessen.

Die Geo-Saison (Ausgabe April 2020, Artikel "Master of Desaster", leider nicht online verfügbar) schrieb einmal über diese beiden Unternehmen:

"Zwei ähnliche Unternehmen also. In einem Punkt könnten die Unterschiede zwischen den beiden aber nicht größer sein: In der Behandlung ihrer Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen.  Ryanair versucht mit allen Tricks, Arbeitskosten zu drücken. Crews sind oft nur bei externen Personaldienstleistern angestellt, müssen teilweise sogar eigene Firmen gründen und als „Selbständige“ ihre Dienste an Ryanair verkaufen. Das spart Sozialabgaben. "

In einem Interview mit der Süddeutschen sagte Michael O’Leary  mal „die Umwelt interessiert mich einen Dreck!“. Er hoffe auf Flugzeuge ohne Piloten, denn Piloten seien nur „glorifizierte Taxifahrer“. 

Lt. Spiegel Online kommen viele Flugbegleiter und Flugbegleiterinnen aus wirtschaftlich gebeutelten Krisenländern in Süd- oder Osteuropa. Viele verlassen das Unternehmen nach kurzer Zeit wieder, wenn sie denn ihre Schulden bei Ryanair bezahlt haben, denn früher mussten sie ihre Kurzausbildung bei Ryanair selbst zahlen. Übrigens auch die Berufskleidung. An Bord müssen Flugbegleiter und Flugbegleiterinnen auch für ihre Verpflegung zahlen. Und neuerdings müssen sie auch noch einen bestimmten Betrag bei den Bordverkäufen erzielen, sonst droht Ärger.

Die Zeitungen sind voll von Berichten über Ryanair - und oft geht es leider nicht um den beeindruckenden Erfolg des Unternehmens, sondern darum, mit wieviel Verachtung Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dort behandelt wurden.


Was man über Southwest Airlines findet

Herb Kelleher von Southwest Airlines dagegen war ein Menschenfreund durch und durch - und so hat er auch sein Unternehmen geführt. Ihm gingen seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter über alles. Southwest Airlines zahlt Gehälter über dem Branchenschnitt, beteiligt seine Leute am Unternehmen. Und seine Leute danken es ihm, indem sie nicht einfach nur ihren Job machen, sondern oft auch mehr. Da hat auch mal ein Flugkapitän freiwillig Müll aus dem Flugzeug geräumt, wenn die Putzkollonne das übersehen hat. Wir lesen von ihm, dass er seine Arbeit sehr ernst genommen hat, sich selbst aber nicht. „Meine Vision ist es, die Jobs bei Southwest Airlines sicher zu machen für meine Leute“ - seine Leute standen im Zentrum seines Denkens.

Es sagte „Die Mitarbeiter kommen zuerst. Und wenn du deine Mitarbeiter richtig behandelst, dann sind die Kunden zufrieden. Und das macht die Shareholder glücklich. Beginne mit den Mitarbeitern und alles andere folgt von selbst."

Als ein Manager sich bei ihm beklagte, dass Flugbegleiter einen besseren Zugang zu ihm hätten als er, sagte Kelleher: „Sie sind wichtiger als du!“ Und als Southwest den Piloten in wirtschaftlich schweren Zeiten temporär die Gehaltserhöhung streicht, friert Kelleher sein Gehalt ebenfalls ein. Weil er überzeugt war, dass ein Unternehmen nur Erfolg hat, wenn die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen ihren Job wirklich mögen. Auf vielen Fotos die man im Netz von ihm findet, umarmt er gerade irgendwelche Mitarbeiter. Scheint also eine typische Haltung von ihm gewesen zu sein. Als Kelleher 2019 starb, trauerten tausende Southwest-Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen aufrichtig um ihn.


Macht menschliche Führung denn nun erfolgreich?

In Sachen menschlicher Führung könnten die Unterschiede zwischen diesen beiden also größer nicht sein. Macht das aber jetzt einen Unterschied im Unternehmenserfolg aus? In unserem Beispiel tatsächlich nicht - beide Unternehmen sind außerordentlich erfolgreich. 

Dieses Ergebnis liegt natürlich an der Auswahl meiner Beispiele - ich hätte auch andere aussuchen können, wie z.B. dm und Schlecker im Bereich der Drogeriemärkte, da wären wir vielleicht zu einer anderen Antwort gekommen. Aber irgendwie gefällt mir der Gedanke, dass menschliche Führung vordergründig nicht automatisch erfolgreicher macht. Denn dann würden ja alle menschlich führen, oder?

Warum sollten wir uns dann um  „menschliche Führung“ kümmern, wenn es wirtschaftlich keinen Unterschied macht?


Das Problem mit unmenschlicher Führung

Niemand arbeitet freiwillig unter einem unerträglichem Chef. Im Arbeitsleben ist das soziale Grundgesetz „wer sich wie ein Arschloch benimmt, wird wie ein Arschloch behandelt“ außer Kraft gesetzt. Denn dieses Grundgesetz gilt nicht bei einer negativen Abhängigkeit. Das ist ähnlich wie bei häuslicher Gewalt. Diese negative Abhängigkeit erzeugt eine angsterfüllte Umgebung in einem Unternehmen.

Es sind immer Abhängigkeiten wie z.B. die Leidenschaft zu einem Beruf wie bei Pilotinnen und Piloten, die Menschen in negative Abhängigkeiten halten. Oder regionale Strukturen, wenn ein Unternehmen mit einem schlechten Chef in einer Region der einzige Arbeitgeber ist. Und manchmal ist ein Scheißjob eben besser als keiner - schließlich arbeiten wir hauptsächlich für unseren Lebensunterhalt. Wer zum Spaß arbeitet, ist einfach sehr privilegiert. Und ein schlechter Chef prägt zwar das Unternehmen, aber er macht es in seiner Gesamtheit ja nicht gleich unerträglich. Auch bei Schlecker gab es natürlich Märkte, die im Rahmen ihrer Möglichkeiten menschlich geführt wurden. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben eben erst spät gemerkt, dass sie z.B. in Umkleidekabinen gefilmt wurden. 


Ich behaupte: Menschlicher Führung gehört die Zukunft

Menschen in negativer Abhängigkeit und angsterfüllten Umgebungen agieren immer anders als unabhängige Menschen. Mehr als einfache „Aufgaben-Abarbeitung“ und „Dienst nach Vorschrift“ funktioniert hier nicht. Nicht weil sie es nicht könnten, sondern weil sie es nicht zu geben bereit sind. Kann man ja verstehen. Das habe ich schon mal im Beitrag über menschliche Führung erläutert - Link hier oben bzw. in den Shownotes. Es gibt inzwischen viele wissenschaftliche Untersuchungen, die einen eindeutigen Zusammenhang zwischen Mitarbeiterzufriedenheit und Mitarbeiterengagement nachweisen. Aber ehrlich: das hätten wir auch ohne Wissenschaft gewusst, oder?  Unternehmen, in denen Menschen gerne arbeiten, haben eine ganz andere Energie! Das, wozu wir gute Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Zukunft brauchen, bekommen wir nicht von Menschen in negativer Abhängigkeit. Ich prognostiziere: Unternehmen mit menschlicher Führung gehört die Zukunft!



Ich behaupte weiterhin: Menschliche Führung ist nachhaltig

Bietet sich ein Ausweg aus einer negativen Abhängigkeit, fliehen die Menschen aus diesen Jobs. Das sieht man daran, daß Unternehmen mit schlechter Führung oft eine hohe Fluktuation haben. Und je besser die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ausgebildet sind, desto schneller finden sie Jobs in angenehmeren Unternehmen. 

Das System Ryanair funktioniert nur, weil wir als Kunden vieles für den billigen Flug akzeptieren. Und weil die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter oft trotzdem einen verdammt guten Job machen! Gäbe es aber in Europa einen ernsthaften Wettbewerber, der dazu seine Leute gut behandelt, würden die Ryanair-Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter massenhaft den Arbeitgeber wechseln!

Unternehmen mit unmenschlicher Führung haben also oft eine hohe Fluktuation und verlieren permanent eingearbeitete und ausgebildete Leute an den Wettbewerb. So kann langfristig einfach keine stabil funktionierende Organisation entstehen. Und ist schlechte Führung erst einmal bekannt, zieht das natürlich auch nicht die besten Leute an.



Ist die richtige Frage nicht: In welcher Welt wollen wir leben?

Ich bin davon überzeugt, dass Führungskräfte mit fehlendem Anstand langfristig nicht nur ihrem Unternehmen schaden, sondern auch unserer Gesellschaft. Es macht etwas mit einem Mitarbeiter, der an seinem Arbeitsplatz permanent schlecht behandelt wird. Diese Stimmung trägt er mit nach Hause, zu seiner Frau, zu seinen Kindern, in sein erweitertes privates Umfeld. Genau so natürlich mit Mitarbeiterinnen, logisch. Denn irgendwann glaubt man das was der Chef von einem hält. Dieses Denken wird man nicht los, da kann man sich noch so viel in Hobbys und Ehrenämtern engagieren. Es verändert uns. Und mit uns auch unsere Umgebung.

Bevor Sie bei sich selbst eine schwere Depression oder Antriebsschwäche diagnostizieren, stellen Sie sicher, dass Sie nicht komplett von Arschlöchern umgeben sind.

Siegmiund Freud

Auf Dauer nimmt deine Seele die Farbe deiner Gedanken an!

MarC Aurel

Darum ist für mich die Frage, ob menschliche Führung Unternehmen erfolgreicher macht, die falsche Frage. 

Die richtige Frage ist für mich: in welcher Welt wollen wir leben? Und sind wir gewillt, uns für eine bessere Welt einzusetzen? Das ist auch unsere Verantwortung als Chefs und Führungskräfte! Denken Sie gerne mal drüber nach!


Das war heute mal ein kontroverses Thema. Das muss ja auch mal sein, allein für die Beschäftigung unserer grauen Zellen, oder?

Ich bin mal gespannt auf Ihre Meinungen und Kommentare! 

Und ich verspreche schon mal für die nächsten Beiträge weniger Analwörter - ist eigentlich nicht mein Stil, aber manchmal… 


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Frank Feldhaus

Über den Autor

Berater für Führung und Organisation. Ärgert sich über alles was nicht funktioniert. Weiß aber, dass Perfektion schrecklich langweilig ist und dass wir Probleme brauchen, um daran zu wachsen. Ein ewiger Widerspruch...


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