Sollen Chefs wirklich authentisch sein?

22. Sep 21

Wo immer man hinschaut: Ohne Authentizität geht bei Führungskräften nichts. Sie scheint eine obligatorische Eigenschaft zu sein. Nur wer authentisch ist, kann Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wirklich begeistern und überzeugen und damit auch wirksam führen. Will man Vertrauen und Glaubwürdigkeit aufbauen, muss man authentisch sein. Wenn wir sagen was wir denken und fühlen, halten und die Menschen für authentisch und werden uns folgen. Wird über andere geredet, sagt man oft bewundernd: der ist aber authentisch. Bei Wikipedia wird sogar ein authentischen Führungsstil beschrieben. 

Was hat es auf sich mit dieser Zauberkraft der Authentizität? 


Definition

Vereinfacht versteht man unter dem Begriff der Authentizität das Echte, Unverfälschte einer Person oder Sache, im Gegensatz zur Fälschung oder Täuschung. Man sieht jemanden als authentisch an, bei dem Sein und Schein übereinstimmen. Dadurch soll eine authentische Person „echt“ wirken und damit Vertrauens- und Glaubwürdigkeit, Geradlinigkeit und Stärke ausstrahlen.  


Isoliert für eine Person ist Authentizität einfach. Interessant wird das Thema der Authentizität dann, wenn eine Person in Interaktion mit seinen Umwelt aufnimmt. Ist es dann immer noch gut, wenn jemand sich so benimmt wie er wirklich ist? Wenn er das sagt, was er denkt?


Eine sehr authentische Person

Letztes Jahr war meine Lieblings-Sommer-Lektüre aus dem Bereich der Belletristik die Krimi-Reihe „Lost in Fuseta“ von Gil Ribeiro, von der es inzwischen 4 Folgen gibt. 

Der Hauptprotagonist Leander Lost ist ein Hamburger Kriminalkommissar, der an einem einjährigen Austauschprogramm teilnimmt - ein Kommissar aus dem Portugiesischem Fuseta geht nach Hamburg, Leander Lost nach Fuseta. Die Teambildung in Fuseta gestaltet sich etwas schwierig, weil der Hamburger nicht nur komisch aussieht - er trägt auch im heißen Portugal immer seinen schwarzen Anzug mit schwarzer Krawatte und weißem Hemd. Er benimmt sich auch komisch. Er ist Asperger und hat daher so seine Eigenheiten. Er hat ein unfassbar gutes kombinatorisches Denken und ein fotografisches Gedächtnis, aber er kann z.B. nicht lügen. Was dazu führt, dass er gleich am ersten Tag seine Kollegen verpfeift, weil der Chef ihn nach den Kollegen fragt. Oder er sich sofort als Polizist ausgibt als er „undercover“ eine Fabrik auskundschaften soll und dabei erwischt wird. Und in einer späteren Folge antwortet er auf die Frage der Kollegen, ob er noch auf einen Absacken nach Feierabend mitkommen möchte: Nein, ich möchte lieber noch Sex mit meiner Freundin haben. Und die Frage seiner herzlichen Gastgeber, wie er denn Portugal findet, führt automatisch zum Luftanhalten beim Lesen bzw. Hören. 

Die Buchreihe - ich habe sie als Hörbücher unterwegs im Auto gehört - ist ein echtes Vergnügen. Nicht nur wegen der holprigen Teambildung, sondern weil das Team natürlich doch zusammen findet und sich aus dieser Unterschiedlichkeit eine tolle Zusammenarbeit mit viel Verstand aber auch ganz viel  Herz entwickelt. Und es vermittelt nebenbei ganz viel portugiesisches Lebensgefühl - jedenfalls das, was ich als Norddeutscher davon halte. Ich habe alle vier Bände nacheinander durchgehört und wurde dabei köstlich unterhalten.

Also Gil Ribeiro alias Holger Karsten Schmidt: Er erwarte einen fünften Band!


Was ich mit diesem Beispiel aber sagen möchte: Leander Lost ist total authentisch - er kann auch gar nicht anders. Sehr oft ist diese Authentizität in der Interaktion mit seinem Team weder der Sache dienlich, noch können die Beteiligten immer gleich damit umgehen. Und hier stellt sich die Frage: ist Authentizität immer so gut? Nun, wie so oft bei mir ist die Antwort: es kommt darauf an.


Die erste Frage: was sind die Erwartungen an Sie?

Es kommt erstens darauf an, wie deckungsgleich unsere Persönlichkeit mit unserer Umgebung bzw. - im Job - mit den an uns gestellten Anforderungen ist. Dieser blaue Kreis soll unsere Persönlichkeit darstellen, mit ihren Werten, Erfahrungen, Emotionen, Haltungen.

Der rote Kreis stellt die Anforderungen an die Rolle als Führungskraft dar. Ebenfalls mit allen Werten, Erfahrungen, Emotionen und Haltungen. Die Deckung beider Kreise schraffiere ich. Dass wir eine Null-Deckung haben, sollte das Recruitment im Unternehmen ausgeschlossen haben. Aber niemand kann eine 100%-ige Deckung liefern. Eine 100%-ige Deckung wäre noch nicht einmal wünschenswert - aber dazu gleich mehr.

Die Frage stellt sich nun, wie wir die Deckungslücke schließen wollen. Oder lassen wir sie einfach offen, so wie Leander Lost im eben besprochenen Beispiel? Dann wären wir auch total authentisch, aber vielleicht partiell weniger geeignet für diese Rolle.

Und „Rolle“ ist auch ein gutes Stichwort. Denn das ist es, was wir im Leben wie im Beruf normalerweise tun: Die meisten von uns spielen eine Rolle. So wie ein Schauspieler auf der Bühne, nur oft nicht so bewußt. Und das ist auch normal. Jeder von uns schlüpft in seinem Leben in Rollen, weil das Leben Anforderungen an uns heranträgt, die vorher noch nicht zu unserem Repertoir gehörten. Keiner von uns ist von Natur aus Ehemann oder Ehefrau, Vater oder Mutter. Keiner von uns war schon als Kind „Vorsitzender der Handballsparte des Sportvereins xyz“ oder „Finanzvorstand der ABC-AG“. Dennoch trägt das Leben Rollen an uns heran - und nicht alle können wir so einfach abwählen und manche wählen wir ganz bewusst. 

Die alles entscheidende Frage dabei ist: prägen wir die Rolle oder prägt die Rolle uns? Und damit sind wir beim Thema Authentizität.



Die zweite Frage: soll man sich anpassen oder nicht?

Bei Schauspielern ist es die hohe Kunst, die eigene Persönlichkeit komplett hinter der Rolle zu verstecken. Wenn z.B. Rowan Atkinson den Kommissar Maigret spielt, ist darin in keiner Phase seine berühmteste Rolle als Mr. Bean zu erkennen. Keine Pose, keine Micromimik, kein Tonfall. Große Kunst! Andere, mehr handwerkliche Schauspieler, erkennt man dagegen in jeder Rolle - wie z.B. früher Manfred Krug oder Götz George. 

Als Führungskräfte will man aber keine Schauspieler haben. Sondern echte Menschen. Warum? 

Nun, die unnatürliche Anpassung an eine Rolle kostet viel Kraft, die besser für Wirksamkeit verwendet werden sollte als fürs Schauspielern. Und es besteht immer die Gefahr, dass wir „aus der Rolle fallen“ - gerade wenn es mal stressig wird oder man kräftetechnisch leicht angeschlagen ist. Wenn dann eine andere Person herausscheint als die, die wir zu kennen scheinen, sorgt das für Verwunderung und einen Verlust an Vertrauen. Was die Wirksamkeit einer Führungskraft schädigt. 

Besonders schwierig wird es, wenn sich nicht authentische Führungskräfte in anderen Kontexten anders benehmen. Wenn sie sich gegenüber ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern als harte Hunde zeigen, gegenüber ihren Chefs aber als Kriecher. Stromberg ist da wohl ein gutes Beispiel. Dann wird das wahrgenommen als „Wasser predigen und Wein trinken“ oder als Radfahrersyndrom (nach oben buckeln und nach unten treten). Dann hat man vielleicht Angst vor dem Chef, aber keine Achtung und kein Vertrauen mehr, denn dann wird allen klar: Wenn er jetzt ausruft „wir sitzen alle in einem Boot“ will er nur gerudert werden. Der ist also nicht mehr wirklich bei seinen Leuten, sondern benutzt sie nur noch für seine Zwecke.


Wir sollten also besser mit unserer Persönlichkeit unsere Rolle prägen. 

Alles andere wäre auch  total schade. Jeder von uns ist ein unverwechselbares Individuum, es gibt bei 8 Milliarden Menschen auf der Welt keine zwei gleichen. Unsere Unternehmen brauchen „Typen“ (also männlich wie weiblich). Denn die Zukunftssicherheit von Unternehmen hängt im Wesentlichen von unserer Anpassungsfähigkeit an Kundenanforderungen und Innovationsfähigkeit ab. Und die bekommen wir nicht von gleichgeschalteten, uniformen Menschen, die nur das tun was sie sollen. 


"Typen" muss man aushalten können!

Das Problem ist nur: Typen muss man aushalten können. Denn sie können - siehe Leander Lost aus meinem Krimi - schon anstrengend sein. Aber wer in diese Anstrengung investiert, wird mit Zukunftssicherheit belohnt werden.


Sollen wir nun authentisch sein oder nicht?

Zurück zur Ausgangsfrage: Sollten Führungskräfte also authentisch sein? Aus meiner Sicht ganz klar: Ja!

Die einzige Ausnahme sind natürlich schädliche Charaktere. Um es deutlich zu sagen: Arschlöcher sollten nicht authentisch sein. Aber das ist ein anderes Thema für einen neuen Beitrag.


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Frank Feldhaus

Über den Autor

Berater für Führung und Organisation. Ärgert sich über alles was nicht funktioniert. Weiß aber, dass Perfektion schrecklich langweilig ist und dass wir Probleme brauchen, um daran zu wachsen. Ein ewiger Widerspruch...


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