Die Sehnsucht nach Hochleistungsteams
Heute geht’s also um Hochleistungsteams, High-Performance-Teams. Denn in vielen Unternehmen hört man die Sehnsucht nach außergewöhnlich leistungsfähigen Teams. Aber nur in wenigen Unternehmen findet man sie. In vielen Unternehmen hat man den Eindruck, Teams laufen irgendwie mit angezogener Handbremse. Woran liegt das eigentlich?
Wir klären das mal anhand eines echten High-Performance-Teams. Und nein, ich als Bremer rede in diesem Zusammenhang besser nicht von Fußball. Ich nehme als Beispiel einen alten Film von 2001: Oceans Eleven. Als der neulich zum gefühlt 127. Mal wiederholt wurde, hab ich gedacht, das ist mal gutes Anschauungsmaterial für unser Problem.
Disclaimer:
Kurzer Disclaimer - ich rede heute von Teams, die für eine Aufgabe oder ein Projekt zusammengestellt werden. Nicht über dauerhafte Abteilungen oder gar Gruppen. Die Unterscheidung kommt in einem späteren Video! Aber zurück zu Ocean's Eleven:
Zehn Spezialisten und Daniel Ocean (daher der Filmtitel), die sich zusammen tun, um das größte Kasino in Las Vegas auszurauben. Die Erfolgsprämie beträgt 150 Mio. Dollar - vor 25 Jahren, als dieser Film entstand, war das durchaus eine Anstrengung wert.
So ein Projekt kann man natürlich nicht allein durchziehen. Einmal ist es zu viel Arbeit für einen allein. Zum Anderen braucht man Spezialwissen, das Danny Ocean natürlich nicht hat. Das sind schon mal die beiden wichtigsten Gründe für die Bildung von Teams, so wie in normalen Unternehmen auch.
Danny Ocean sucht sich also 10 Leute, jeder ein absoluter Experte auf seinem Gebiet - sie kennen sich aus mit Elektronik und Mechanik, Täuschungen, Verführung, Glücksspiel, Tresoren, Sprengstoff und vielem anderen nützlichen Tüdel, den man im Arbeitsalltag eben so braucht. Lauter Spezialisten, aber auch oder gerade deswegen alles Freigeister, auf die das Attribut „teamfähig“ so gar nicht zutrifft. Und haben wir nicht gelernt, dass „Teamfähigkeit“ ein absolutes Muss bei der Zusammenstellung von Teams ist? Wie soll das also bitte funktionieren?
Ich verrate schon mal: der Plan gelingt! Wäre ja sonst auch ein doofes Anschauungsmaterial. Aber zurück zur Frage: was macht Oceans Eleven als Team so erfolgreich, wo die einzelnen Personen doch gar nicht teamfähig sind? Das klären wir anhand von 6 Fragen. Los geht‘s!
Die Anatomie meines Dream-Teams:
1.Wie bildet Danny Ocean sein Team?
Er sucht sich einfach für die einzelnen Arbeitsbereiche den / die beste die er kennt und versucht, diese für das Projekt zu begeistern - was nicht immer einfach war. Und dann redet er ihnen nicht in ihr Spezialgebiet hinein, sondern lässt sie machen - denn sonst hätte er sich die Wahl der Besten sparen können. Im Film wird nur klar: Es wird im Team regelmäßig geprüft, ob alle Einzelteile zusammenpassen und auf das Ziel ausgerichtet sind.
2.Wie startet er das Projekt?
Total interessant - denn das kennen wir alle als übliche Vorgehensweise: mit einen Projekt-Kick-Off. Die Aufgabe wird erklärt, man darf offen Bedenken äußern und diese Einwände werden sorgfältig mit Argumenten widerlegt. Im Video kann man ein wunderbares Beispiel eines gelungenen Kick-Offs sehen!
3.Wie homogen sind Oceans Eleven als Team?
Auch hier ist im Video ein tolles Beispiel gelebter Harmonie im Team zu sehen. Bitte unbedingt ansehen!
Wie homogen muss ein Teams also sein? Einfache Antwort: Gar nicht. Diese beiden kämen nicht ansatzweise auf die Idee, gemeinsam Zeit zu verbringen. Nur eben in diesem einen Projekt, weil sie wissen, dass sie einander brauchen.
Homogenität ist kein geeignetes Kriterium zur Beurteilung von Teams. Das Ziel wird nicht durch Homogenität, sondern durch die konsequente Anwendung des Spezialwissens der Teammitglieder und Verfolgung des Ziels erreicht. Bei Oceans Eleven waren das alles 11 Individualisten. Aber zusammengeschweißt durch das gemeinsame Ziel.
4.Was ist wichtiger: Individuelle Klasse oder Teamfähigkeit?
Die Frage habe ich oft gehört, aber nie verstanden. Es ist wie beim Kochen: beste Zutaten sind die Basis für ein gutes Gericht. Schlechte Zutaten holt auch kein Meisterkoch wieder raus.
5.Was ist die richtige Teamgröße?
In einem guten Team wird jeder gebraucht wegen seiner speziellen Kenntnisse. Jeder muss wissen: Ohne den anderen wird der Job nicht gelingen. Keiner ist zuviel. Gäbe es zuviele Teammitglieder eines Bereichs, gäbe es automatisch Kompetenzgerangel und Gruppendynamik. Will man nicht. Auf der anderen Seite: Fehlt einer, scheitert der Job. Die richtige Teamgröße also? In diesem Fall elf. In jedem anderen Fall irgend eine andere Zahl. Vergessen Sie Tipps mit einer konkreten Zahl - sie müssen selbst nachdenken!
6.Wie motiviere ich mein Team?
Ehrlich? Gar nicht. Wie eben gesagt: Ein Team wird zum Team, weil jeder das Ziel UNBEDINGT erreichen will. Das ist der einzige „Klebstoff“ für ein Team. Keine gemeinsame Rafting-Touren, kein gemeinsamer Kochkurs. Denn dies Team ist nicht zu einem dauerhaften Selbstzweck zusammen, sondern für eine konkrete Aufgabe. Anders wäre das z.B. bei Abteilungen, die dauerhaft zusammen bleiben müssen. Aber dazu in einem später en Video mehr.
Zusammenfassend wären das die wichtigsten Zutaten:
- Ein Kopf, der das Projekt treibt
- Ein attraktives Ziel, das alle unbedingt erreichen wollen (150 Mio!)
- Für jedes Problem ein absoluter Spezialist und damit klare Zuständigkeiten. Daraus ergibt sich auch die richtige Teamgröße
- Spezialisten nicht in ihr Fachgebiet reinreden
- darauf achten, dass alle erarbeiteten Puzzleteile zusammenpassen und es in ihrer Gesamtheit ermöglichen, das Ziel zu erreichen.
Eigentlich ganz einfach, oder?
Aber wenn das so einfach ist, warum hat nicht jedes Unternehmen nur Hochleistungsteams?
Auch das ist einfach - ich geb hier mal 3 Denkansätze:
1.Wir stellen die falschen Leute ein.
Schauen Sie sich Stellenangebote an, vielleicht auch ihre. Welche gesuchte Eigenschaft wird seit 30 Jahren am häufigsten genannt? Teamfähigkeit, genau! Klingt ja auch ganz vernünftig, teamfähig klingt nach „fähig im Team zu arbeiten“ und das ist doch das was wir wollen, oder? Aber unter Teamfähigkeit versteht man in der Soziologie Menschen mit einer hohen sozialen Verträglichkeit. Im Big-Five-Psychogramm
sind diese Menschen beschrieben als kooperativ, gutmütig, umgänglich, mitfühlend, auf Harmonie bedacht. Aber solche Menschen hinterfragen nicht den Status-Quo oder streiten für die beste Lösung. Suchen sie also nach besten Lösungen oder gar Innovationen, dann meiden Sie teamfähige Menschen! Und setzen Sie stattdessen auf exzellente Individualisten, die nicht wegen der Harmonie eine schlechte Lösung akzeptieren. Denn aus Teamfähigkeit erwächst höchstens so was wie ein Dieselskandal.
2.Wir sind nicht bereit, uns auf Hochleistungsteams einzulassen
Ein Team von exzellenten Individualisten ist schwerer zu führen als ein homogener „teamfähiger“ Spielkreis. Wenn alle unbedingt den Erfolg wollen, kämpfen exzellente Teams auch dafür und akzeptieren keine Hindernisse. Klingt erst mal gut, oder? Aber so ein Team setzt sich auch mal über Regeln hinweg, stellt Managemententscheidungen in Frage und streitet um die beste Lösung. Das kann richtig anstrengend sein!
Aber warum arbeiten wir in Unternehmen? Wegen der Harmonie oder weil wir die besten Lösungen realisieren wollen?
Wie ist das bei Ihnen? Wenn sie Spezialisten einstellen - hören sie dann auf sie? Oder sagen sie denen, wie’s bei Ihnen zu laufen hat? Weil es ja schon immer so gemacht wurde und sie schließlich wissen, wie der Hase läuft. Aber dann macht das Reqruiting von Spezialisten keinerlei Sinn. Sie werden nur Unzufriedenheit und Anpassung bekommen - und damit die Wirksamkeit der Spezialisten komplett verlieren.
Anpassung an den Status Quo ist in vielen Unternehmen eine notwendige Überlebensstrategie auf dem Karriereweg. Jemand, der sich anpasst um Erwartungen der Chefs zu erfüllen, kann keine starke Expertin / kein starker Experte sein, der sie voranbringt! Innovationen und kluge Lösungen erwachsen niemals aus Anpassung - sondern aus starken, unabhängigen Persönlichkeiten. Die muss man aushalten können - aber ohne gehts eben auch nicht! Und in Zeiten, in denen sich so vieles oft auch disruptiv ändert, ist diese Fähigkeit überlebenswichtig für Ihr Unternehmen. Denn weitermachen wie bisher ist heute in vielen Branchen keine gute Strategie mehr.
3.Wir sind nicht konzentriert auf Wirksamkeit.
Oceans Eleven verschwendet wenig Zeit und Kraft für Unwesentliches wie Machtkämpfe innerhalb der Gruppe, für das Wegschieben von Verantwortung, für die Eigendarstellung auf Kosten anderer und - Sie wissen, was ich meine.
In meinem Dreamteam hat jeder seinen klaren Platz und seine klare Verantwortung, die er mit niemandem teilt. Auch ist das Ziel absolut klar. Und nur das, was der Zielerreichung direkt dient, wird gemacht. Das aber mit hoher Exzellenz, ganzer Kraft und Konzentration. Laufen Dinge schief, wird die Wahrheit gesagt. Klar und eindeutig, auch wenn man sich mal aneinander reibt. Nichts wird unter einem Teppich aus Unterwürfigkeit und Political Correctness gekehrt. Ich bin überzeugt: Nur durch die Kombination aus Wirksamkeit, Können und Wahrheit löst man Probleme. Wo das nicht gegeben ist, kümmern sich Teams mehr um „cover my ass“ als um die Lösung. Dann verlieren Sie obendrein ihre guten Leute - entweder an die innere Kündigung oder an ihren dankbaren Wettbewerb.
Kurz zusammengefaßt:
Viele haben keine Hochleistungsteams, weil das anstrengend ist und damit vermeintlich Kontrolle verloren geht. Sehen wir das nicht schon in der Diskussion über das Homeoffice - weil ja nur das Büro eine Kontrolle ermöglicht, oder? Aber eine Kontrolle von was? Anwesenheit? Oder echter Wertschöpfung?
Die Kernfrage ist doch: wollen sie Harmonie oder die beste Lösung?
Also, mein heutiger Appell: Trauen sie sich an die Freigeister, die Wilden und Unangepassten und setzen sie denen ambitionierte Ziele! Weg von den Kopfnickern. Wenn ihnen keiner ihrer Leute widerspricht, haben sie nicht die richtigen Leute, die die Zukunft ihres Unternehmens sichern. Unsere Unternehmen stehen heute vor vielen großen Herausforderungen - glauben sie wirklich, dass sie das mit Kopfnickern schaffen?
Und hören sie bitte auf, „teamfähige“ Menschen zu suchen! Streichen sie das Wort bitte aus ihren Stellenangeboten und am besten aus ihrem Wortschatz. Ersetzen sie es bitte mit „Exzellenz“ und „Konfliktfähigkeit“. Denn gerade die heute immer mehr verloren gehende Diskursfähigkeit ist ein wichtiger Erfolgsfaktor!
Was meinen Sie, hab ich übertrieben? Wenn Sie etwas ergänzen möchten oder ganz anderer Meinung sind, freue ich mich wie immer über ihren kritischen, aber freundlichen Kommentar.
Im nächsten Beitrag kümmern wir uns um die Unterschiede von Teams, Abteilungen und Gruppen. Und warum wir das überhaupt unterscheiden sollten.
Ach ja: der rechtliche Tüdel:
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