Work-Life-Balance: Sinn oder Unsinn?

Work-Life-Balance (WLB) ist ja mal wieder in aller Munde.
Man fragt sich unwillkürlich: ist eigentlich das halbe Land krank? Wenn ja, dann ist das ein erstes Problem. Wenn nein, warum ist das Thema dann so sehr in der öffentlichen Wahrnehmung? Oft wird die WLB zusammen mit dem Burn-Out genannt. Wenn keine WLB da ist, führt das zum Burn-Out.

Manche sehen im Burnout-Syndrom eine Modekrankheit von Leuten mit Achtsamkeitsdefizit. Die reinen Zahlen dagegen sind erschreckend:
In den Jahren 2004 bis 2011 stiegen die Krankschreibungen aufgrund Burnout-Syndrom um das 18-fache an. 1,6 Mio. Arbeitnehmer in Deutschland leiden an chronischer Erschöpfung. 20% aller Arbeitnehmer hätten bereits burnout-ähnliche Symptome gehabt.

Brauchen wir also eine bessere WLB?
Nein, sagen manche. Weil WLB Arbeit von Privatem trennt, das sei nicht mehr zeitgemäß. Gerne wird dabei auch Konfuzius zitiert („wenn du liebst, was du tust, wirst du nie wieder arbeiten“).
Ja, sagen die anderen. Weil gerade die fehlende Trennung dazu führt, dass wir auch in der Freizeit für den Arbeitgeber da sind und nicht mehr abschalten können.

Aus meiner Beratungspraxis sehe ich folgendes:

Es gibt Menschen, die ihre Arbeit lieben. Sie wollen gar nichts anderes machen. Auch wenn sie rund um die Uhr arbeiten, fühlen sie sich wohl. Solche Menschen stehen nicht so sehr in der Gefahr, auszubrennen. Aber auch sie sollten auf genügend Ruhephasen achten (die braucht jeder Körper / jede Seele / jeder Geist). Aber machen wir uns nichts vor: diese Menschen sind selten. Natürlich antwortet jeder positiv auf die Frage, ob er seinen Job gerne macht. Gesteht man z.B. Kollegen hier einen Mangel, wird man zumindest vom Arbeitgeber schon mal auf die „Watchlist“ gesetzt.

Dennoch sind auch diese Priveligierten von Burnout bedroht. Oft tritt ein Burnout aber erst ein, wenn der geliebte Job plötzlich wegfällt (Insolvenz, Arbeitslosigkeit) oder eine andere kritische Lebenssituation eintritt (Trennung vom Ehepartner, Tod eines geliebten Menschen). Das wirft Menschen ohne gesunde WLB deutlich mehr aus der Bahn als andere.

Dann gibt es Menschen, die Arbeiten um ihr Leben zu finanzieren. Täuschen wir uns nicht: das ist die Mehrheit aller Arbeitnehmer in Deutschland. Sie haben nicht den Luxus, dass ihr Job ihre Bedürfnisse erfüllt (höchstens die finanziellen). Die Erfüllung ihrer Bedürfnisse müssen sie sich zwangsläufig außerhalb des Jobs suchen. Daher ist eine gute WLB für diese Menschen noch viel wichtiger.

Aus meiner Sicht ist eine gute WLB also für alle Menschen sehr wichtig, sie hat nichts damit zu tun, ob wir zwischen Beruf und Privatem trennen oder wie gerne wir unseren Beruf ausüben (hier widerspreche ich also mal Konfuzius…). Wir müssen unser Leben grundsätzlich in einer Balance halten. Und dazu zählen vor allem folgende Punkte:

1. Selbst-Akzeptanz: Wir müssen uns selbst als einzigartige Person akzeptieren und verstehen, dass wir so wie wir sind, liebenswert, gewollt und sinnvoll sind. So wie eine Mutter ihr Baby liebt, obwohl es noch nichts zur Welt beitragen konnte. Es ist da, und es ist liebenswert. Von der ersten Sekunde an. Viele Menschen verlieren dieses Selbstverständnis leider auf dem Weg zum Erwachsensein und definieren den Wert ihres Lebens nur noch über die eigene Leistung. Fehlt die Leistung (oder wird sie nicht anerkannt), dann fehlt vielen auch der Selbstwert. Aber es ist eine extrem starke und belastbare Basis zu wissen, dass wir ohne eigenes Zutun als Mensch liebenswert und sinnvoll sind.

2. Identität: Jeder Mensch hat „Tankstellen“. Dinge, die er gerne tut und bei denen er auftankt. Manche brauchen einen Tag am Meer, ein gutes Buch, eine Wanderung, das tiefe Gespräch mit guten Freunden, Sport. Jeder Mensch hat unterschiedlichen Tankstellen, aber jeder hat sie. Und jeder Mensch läuft trocken, wenn er nicht auftankt – der eine früher, der andere später. Kennen sie ihre Tankstellen? Achten sie auf regelmäßiges Auftanken!

3. Bedeutung: Jeder Mensch möchte Spuren auf dieser Welt hinterlassen. Nicht alle können das durch ihre Arbeit. Wenn ihnen das nicht möglich ist, suchen sie sich eine ehrenamtliche Tätigkeit mit Sinn. Es gibt so viel Gutes zu tun in dieser Welt. Es gibt unendlich tiefe Befriedigung, diese Welt ein bisschen zu verbessern. Egal ob in einer Suppenküche, in einem Frühstückstreff für hungrige Schulkinder oder als Gesprächspartner in einem Seniorenwohnheim.

Nach meiner Erfahrung ist o.g. Reihenfolge wichtig. Oft wird die Reihenfolge heute umgekehrt: Erst wenn ich Bedeutung und Identität gefunden habe, können andere und kann ich mich akzeptieren. Mit dieser Reihenfolge ist man sehr anfällig für Burnout, weil der eigene Wert von der eigenen Leistung abhängt. Wenn sie dagegen mit der Akzeptanz ihrer selbst anfangen, haben sie eine belastbare Basis.

Versuchen Sie es!

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