Harmonie nervt!

Eigentlich bin ich ein harmoniefreudiger Mensch. Aber alles hat seine Grenzen: Da sitze ich mit dem Firmenchef und einer Gruppe von Mitarbeitern in einem Meeting, in dem es um die Neuausrichtung ihrer Abteilungen geht. Die Leute in diesem Raum betreiben das alltägliche Geschäft, hier sitzt also die Prozesskompetenz. Und da kommt ein externer Berater und wird vom Chef beauftragt, die Abläufe in ihrer Abteilung zu optimieren. Da sollte doch jeder schon aus eigenem Interesse etwas zu sagen haben, oder?

Aber nein. Keine Ideen. Alles ok.
Also: Meeting abgebrochen. Gespräch mit Chef gesucht. Warum? Weil hier oft das Problem liegt.
Zuviel Harmonie auch bei kritischen Themen zeigt immer, dass abweichende Meinungen der Mitarbeiter nicht gerne gesehen sind. Die Rasenmäher-Methode: Immer wenn ein Mitarbeiter über das Mittelmaß hinauswächst, wird er gestutzt.
Dabei muss man ein gewisses Maß an Reibung zulassen. In hitzigen Diskussionen auf sachlicher Ebene erfahren Argumente erst ihre Feuerprobe in den Gegenargumenten der Kollegen. Nur so kann etwas entstehen, das über das Mittelmaß hinauswächst. Dazu muss man Mitarbeiter ernst nehmen, ihre Persönlichkeit akzeptieren und sind Zeit nehmen, sie anzuhören. Ich finde übrigens die besten Ideen für Prozessoptimierungen nicht in der Chefetage, sondern bei den Mitarbeitern, die täglich in den Prozessen arbeiten.
Also: Nächstes Meeting. Erst einmal ohne Chef – zur Übung… Nach einigen Provokationen meinerseits dann endlich eine erste Meinungsäußerung. Und dann ging es los. Ich fühlte mich bald  wie ein Löwenbändiger im Raubtierkäfig – aber ohne Peitsche.

Disharmonie muss aktiv geführt und kultiviert werden. In größeren Projekten mit vielen externen Beratern kann man das gut sehen: Hier wird auch lautstark um die beste Lösung gerungen und abends trifft man sich beim Bier und versteht sich bestens. Die Disharmonie gehört zur Rolle und wird absolut ernst genommen, hat aber mit dem Menschen dahinter nichts zu tun. Das ist professionelles Verhalten. Damit bleibt die Disharmonie an der Rolle, nicht aber am Menschen dahinter.
Dieses Verhalten klappt aber nicht sofort und nicht ohne aktive Führung. Manche Menschen fühlen sich durch Gegenargumente sofort als Mensch angegriffen. Und andere meinen das mit ihren Gegenargumenten aus so. Hier gibt es also viel zu tun. Aber es lohnt sich. Dort, wo es eine positive Streitkultur gibt, gibt es auch ein hohes Maß an Kreativität und – auch wenn es widersprüchlich klingt – ein hohes Maß an Menschlichkeit.
Also: streiten Sie mal wieder – aber richtig!

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