Das „leerer-Schreibtisch-Syndrom“: Ist „Produktivität“ eigentlich unser einziger Maßstab?

Immer wieder lese ich in Büchern und Blogs, dass ein Schreibtisch zwingend aufgeräumt sein muss. Oder zwingend voll. Je nach Persönlichkeit der Autoren wird entweder ein leerer Schreibtisch wegen der Produktivität oder ein voller Schreibtisch wegen der Kreativität zum Maßstab gemacht. Und beide Seiten führen gute Gründe an. Lars Bobach hat es in seinem hervorragenden Blog (klare Leseempfehlung!) sogar auf die Formel „aufgeräumter Schreibtisch = Produktivität“ gebracht. Auf den Seiten der Karrierebibel findet sich zum Beispiel eine Argumentation für einen vollen Schreibtisch.

 

Was ist denn nun richtig?

  1. Beide Sichtweisen sind richtig und wissenschaftlich belegt. Ein leerer Schreibtisch ist eine gute Voraussetzung für eine produktive Arbeitsweise, ein voller Schreibtisch ist oft Kennzeichen von kreativen Leuten.
  2. Der Umkehrschluss der Argumentationen ist nicht zulässig. Wer produktiv ist, hat nicht zwingend einen leeren Schreibtisch. Und Kreative nicht zwingend einen chaotischen Arbeitsplatz.
  3. Wo sich viele Menschen einen Arbeitsbereich teilen (und sei es nur vertretungsweise) hat eine grundlegende Ordnung zu herrschen. Suchzeiten sind eine Verschwendung von Zeit und Kraft.

 

Kernfrage: Ist Produktivität der einzige Maßstab für unsere Organisationen?
Immer wenn ich in Unternehmen Prozesse optimieren soll, wird mir als Ziel genannt: „Unsere Organisation soll produktiver werden“. Aber kann ein Unternehmen erfolgreich sein, wenn es nur produktiv ist? Meines Erachtens: NEIN!

„Produktivität“ ist eine Kennzahl aus der Produktion, die den Output und Input eines Unternehmens oder Prozesses in ein Verhältnis setzt. Meist wird in Unternehmen „Produktivität“ verstanden als „in gegebener Zeit möglichst viele Aufgaben erledigen“. Das ist ein sehr verkürztes Verständnis von Produktivität, aber leider verbreitet (dazu ein anderes Mal mehr).

Viel wichtiger aber: Produktivität ist kein alleiniges Kriterium für ein erfolgreiches Unternehmen. Was hilft mir eine gute Produktivität, wenn ich meinen Kunden keinen ausreichenden Nutzen mehr biete? Dann wird mein Unternehmen bald vom Markt verschwunden sein. Trotz guter Produktivität. Es sind also weitere Merkmale wichtig. Beispielsweise Empathie, um meinen Kunden zu verstehen. Kreativität, um neue Lösungen zu suchen. Mut, um andere Wege zu gehen als der Wettbewerb. Usw.

 
Finsternis lag über der Abteilung Forschung undEntwicklung. Da sprach der Kreative: Es werde Licht. Und es ward Licht. Der Kreative sah, dass das Licht gut war. Dann aber sprach der Controller: Es ist nicht gut, denn das Licht verbraucht Strom. Und das Produktportfolio blieb dunkel, wüst und leer.
(Aus. Brand Eins, Ausgabe 05/2007).

 

Also: Wir brauchen unterschiedliche Menschen in unseren Unternehmen, damit wir erfolgreich sind. Und wenn diese einen vollen Schreibtisch haben? Wenn sie nicht in einen gemeinsamen Arbeitsablauf eingebunden sind (siehe Punkt 3 oben), dann lassen wir ihnen das Arbeitsumfeld, in denen sie am besten arbeiten können. Und ich schreibe: am besten, nicht am produktivsten. Mitarbeiter, die wir angestellt haben und kreativ, empathisch oder mutig zu sein, dürfen wir nicht dem Diktat der Produktivität unterwerfen. Denn dann haben wir bald ein extrem produktives, aber erfolgloses Unternehmen. Auch keine Lösung!

Was denken Sie darüber? Schreiben Sie gerne einen Kommentar!

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